Seit 1991 organisiert Néstor Ocampo jeden letzten Sonntag im Monat sehr beliebte Wanderungen in die Region. Wer möchte, kann ihn dabei mit Hilfe der Bildergalerie begleiten und so seine Heimat kennenlernen: ihre Schönheit, ihre Eigenart, aber auch ihre Probleme.
Fotos: ©Fundación Ecológica Cosmos. Die Fotos enstanden auf verschiedenen Wanderungen.
Treffpunkt für die Wanderung ist die zentrale Plaza in Calarcá. Von dort geht es oft mit den berühmten Willys in die Berge.
Diese von der US-Armee im Zweiten Weltkrieg adoptierten kleinen Geländewagen sind zu einem Symbol der Kaffeeregion geworden. Sie kommen mit den rauesten und steilsten Wegen dort zurecht und man kann mit ihnen Kaffeesäcke und Kochbananen transportieren – und Menschen.
Ich möchte den Einheimischen das Landleben, die Schönheit, die Artenvielfalt aber auch die Bedrohungen unserer Heimat zeigen, verbunden mit dem Gemeinschaftserlebnis, einen schönen Tag in frischer Luft zu verbringen.
An dieser Stelle möchte auch ich mich vorstellen: Ich heiße Chiqui und bin seit vielen Jahren bei fast jeder Wanderung mit von der Partie, natürlich zusammen mit meinem Herrchen.
Quindío ist Teil des Kaffeedreiecks, das für seinen guten Hochlandkaffee bekannt ist. Die Plantagen sind überwiegend kleinparzellig angelegt.
Nur die roten Kaffeekirschen werden geerntet – von Hand und in mehreren Durchgängen. Deshalb ist der Hochlandkaffee besonders wertvoll und geschmackvoll.
Aufgrund der niedrigen Weltmarktpreise und eines Schädlings ist der Kaffeeanbau allerdings in die Krise geraten.
Alternativ setzt man auf den Tourismus und putzt hierzu die Dörfer der Kaffeeregion, beispielsweise Salento, heraus. In diesen Dörfern, wo der Kaffee gesammelt und vermarktet wird, hat sich sich eine spezielle, sehr pittoreske Architektur im angepassten Kolonialstil entwickelt. (Foto ©Felipe Quintero)
Zum Bau der Häuser benutzt man Guadua, eine Bambusart, entweder als Rohr oder gespalten und zu Matten verarbeitet, auf die Lehm für den Bau einer Wand aufgetragen wird. (Foto ©Felipe Quintero)
Salento gilt als eines der schönsten Dörfer Kolumbiens. Inzwischen ist es zeitweise überlaufen, was Probleme wie beispielsweise Verkehrsstaus, Lärm und Wassermangel hervorruft. (Foto ©Felipe Quintero)
Von Salento aus erreicht man das berühmte Cocora-Tal, wo es noch besonders viele Wachspalmen gibt. Die Wachspalme ist der Nationalbaum Kolumbiens.
Genau dort in der Umgebung gibt es aber auch eine Menge Problem.
Kann mir mal einer sagen, was hier los ist? Den ganzen Wald durchgeschnüffelt und ich rieche nur Kiefernadeln, Kiefernadeln, Kiefernadeln. Wie langweilig!
Die Industriewälder aus Kiefern oder Eukalyptus für die Papierproduktion breiten sich völlig unkontrolliert aus. In den Tropen ist ein „Papierbaum“ schon in acht Jahren erntetreif, in unseren Breitengraden erst nach 60 Jahren. Ein lukratives Geschäft!
Die Plantagen werden bewusst falsch als „Wiederaufforstungen“ deklariert. Nur in den für die Ernte unzugänglichen Schluchten bleibt der natürliche Wald stehen. Dies gilt als „Nachhaltigkeits“-Argument.
Neben der Zerstörung der Biodiversität und der Vertreibung von Bauern, gibt es inzwischen auch Wassermangel.
Das Trinkwasser für die Siedlungen liefern die Bäche oberhalb davon. Nur der natürliche Wald, wo das Regenwasser von der üppigen Vegetation aufgefangen wird und langsam auf den Boden tropft, kann die Bäche kontinuierlich mit Wasser füllen.
Ich muss mal prüfen, ob das Wasser hier noch in Ordnung ist. Seit einigen Jahren gibt es im Quindío ein großes Bienensterben. Mit ziemlicher Sicherheit vom Einsatz hochgiftiger Spritzmittel. Irgendwann landet das noch in unserem Trinkwasser!
Oft werden Behelfsbrücken, die von den Bauern gebaut werden, bei Starkregen von den Wassermassen zerstört.
Die Milch wird mit Pferd oder Esel zu einer Sammelstelle an der Straße transportiert, wo sie von einem Willy abgeholt wird.
Da er nicht reifen kann, hat er fast kein Aroma, macht aber viele Gerichte saftiger. Man bröckelt ihn sogar in den Kaffee – schmeckt gut!
Pferde sind in den Bergen immer noch wichtige Fortbewegungsmittel. Beispielsweise auch für Kinder, die von den entlegenen Fincas zur Schule an einer zentralen Stelle reiten.
Viele Häuser sind üppig mit Blumen geschmückt. Auch Hunde dürfen nicht fehlen. Sie leisten Gesellschaft und bewachen den Hof.
In manchen Fincas werden durstige Wanderer gerne mit „agua panela“ (Zuckerrohrwasser mit Zitrone) oder Kaffee bewirtet.
Fondas sind Mini-Geschäfte auf dem Land. Dort trinkt man ein Bier zu selbst gemachten Snacks oder kauft Süßigkeiten und andere Sachen für die Küche ein.
Seit einigen Jahren verkaufen ärmere Kaffeebauern oder Weidenbesitzer weiter oben in den Bergen bereitwillig oder unter Druck ihre Grundstücke an ausländische Großunternehmer für den Avocadoanbau, der sich in rasendem Tempo ausbreitet.
Das Problem: Die meisten Plantagen werden oberhalb der Siedlungen angelegt, in den Gewinnungsgebieten für das Trinkwasser. Sie brauchen viel Wasser, und durch den Einsatz von Agrochemikalien verschmutzen oder vergiften sie sogar das Trinkwasser.
Und: Viele traditionelle Wege in den Bergen werden zum Schutz der Avocados allmählich unpassierbar und von bewaffnetem Personal kontrolliert.
Ich kenne fast alle diese Wege und benutze sie auf unseren Wanderungen. Bei uns gibt es keine offiziellen und gekennzeichneten Wanderwege. Oft führen sie auch durch private Grundstücke.
Hoch in den Bergen herrscht oft Nebel. Die natürliche Vegetation und die natürlichen Wälder sind davon geprägt, es sind Nebelwälder von hoher Biodiversität. Pflanzen wachsen auf anderen Pflanzen ...
Quindio ist – oder besser: war? -- bekannt für seinen Artenreichtum, besonders an Vögeln. (Foto ©Felipe Quintero)
Stand Februar 2020:
Der multinationale Konzern Kappa Smurfit legt weiterhin ungebremst von Politik und Umweltbehörde Holzplantagen an, grüne Wüsten, Rohstoff für die Papier- und Kartonherstellung.
Der Kartonbedarf ist durch das Online-Shopping von Gütern explosionsartig angestiegen. Papier und Karton gelten als umweltfreundliche Verpackung. Aber um es zu produzieren, wird unsere Biodiversität zerstört, trocknen unsere Quellen aus, werden Bauern vertrieben, und unser Landschaftbild verändert sich - sicherlich nicht zum Vorteil.
Avocadoplantagen chilenischer und peruanischer Großunternehmen breiten sich ebenfalls unkontrolliert in rasendem Tempo im Quindío aus und bedrohen das Trinkwasser.
Die Avocado gilt als gesundes Superfood und boomt. Sie wird „grünes“ Gold genannt, weil sich damit viel Geld verdienen lässt. Um sie zu produzieren, wird bei uns Leben zerstört.
Nee, also das verstehe ich nicht: Papier umweltfreundlich? Nur noch Kiefernnadeln- und Eukalyptusbonbon-Geruch auf meinen Wanderungen?
Und die Avocadoplantagen vergiften unsere Bäche und Trinkwasser? So eine Gemeinheit!
Liebe Freunde, hier endet die Wanderung. Ich hoffe, ich konnte euch einen Eindruck davon vermitteln, warum wir unsere Heimat lieben und warum wir für das Leben, das Wasser und die Selbstbestimmung kämpfen. Vielleicht konnte ich euch auch Ideen aufzeigen, was ihr dazu beitragen könnt.
Und falls ihr mal Kolumbien besucht: Jeden letzten Sonntag im Monat treffen wir uns auf der zentralen Plaza in Calarcá, das machen wir so seit 30 Jahren. Ihr seid herzlich eingeladen, mit uns zu wandern.
Néstor Ocampo